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Logo VDE / DKE Jahresbericht 2015 Normung vernetzt Zukunft

STROM AUS DEM NETZWERKKABEL?

Die Stromversorgung von informationstechnischen Endgeräten über die Netzwerkverkabelung – gemeinhin Power over Ethernet (PoE) genannt – erfreut sich zunehmender Popularität. In 2003 und 2009 veröffentlichte IEEE-Spezifikationen stellen dem Endgerät max. 12,95 W bzw. 21,90 W zur Verfügung. Doch reicht dies heute für viele Anwendungen nicht mehr aus. Proprietäre Lösungen sowie ein Ende 2013 gestartetes Standardisierungsprojekt versprechen neuerdings 100 W und mehr.

Ist also das Ende der 230-V-Stromversorgung netzwerkbetriebener Geräte nahe? Sind demnächst Notebooks, Drucker, Fernseher und ähnliche Multimediageräte ohne lästige externe Netzteile zu erwarten? Löst ein Datensteckverbinder etwa gar den „Gordischen Knoten“ und führt durch die Hintertür den weltweit genormten Elektrostecker ein?

Was sich auf den ersten Blick als das Ei des Kolumbus darstellt, wirft bei genauerer Betrachtung eine Reihe von Fragen auf: Was bedeutet PoE für die Kommunikationskabelnetze, über die solch hohe Leistungen zusätzlich zu ihrem primären Zweck – der Datenübertragung – geschickt werden? Sind die verwendeten Datenkabel der damit einhergehenden thermischen Belastung gewachsen? Und wie steht es um die elektrische Sicherheit?

Diese und weitere Fragen hat die DKE bereits vor einiger Zeit im europäischen Komitee für Kommunikationskabelanlagen thematisiert. Bis dato gab es nur unzureichende Erkenntnisse über die Effekte, die sich bei der systematischen und dauerhaften Beaufschlagung eines Datenkabels bzw. ganzer Kabelbündel einstellen. Unter deutscher Federführung hat CENELEC/TC 215 ein mathematisches Modell entwickelt, mit dem die zu erwartende Erwärmung von Kabelbündeln berechnet werden kann. Ein wichtiger Aspekt ist der Einfluss der Temperaturerhöhung durch Fernspeisung auf das übertragungstechnische Leistungsvermögen der Kommunikationskabelanlage. Da die Kabeldämpfung temperaturabhängig ist, wird der Einsatz von PoE die derzeit genormten Streckenlängen z. T. deutlich verringern. Die jeweilige Verkürzung muss in Abhängigkeit der verwendeten Kabeltypen und der Installationsart individuell berechnet werden.

Es zeigt sich, dass die in den Spezifikationen angestrebte Leistung von 100 W unter Einhaltung gewisser Randbedingungen realisierbar ist. Die Planer und Errichter von Kommunikationskabelanlagen werden allerdings zusätzliche Anforderungen einhalten müssen, um sowohl die angestrebten übertragungstechnischen Eigenschaften einzuhalten und gleichzeitig eine Stromversorgung in der Größenordnung von 75 W bis 100 W zu ermöglichen. Geeignete neue Anforderungen und Empfehlungen hierfür werden derzeit erarbeitet und sollen in die bestehenden Normen aufgenommen werden.

Eines scheint jedoch schon heute klar: der weltweit harmonisierte Elektrostecker wird mit Power over Ethernet nicht eingeführt.

Strom-Netzwerk-Kabel
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Wegmann, Thomas
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thomas.wegmann@vde.com